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Im Mai/Juni 2003 bereiste ich 4 Wochen lang die zentrale Ostküste des Sees in Tansania, um diesmal vor allem Informationen über Vorkommen und Verbreitung von Ophthalmotilapia-Arten zu sammeln sowie nach weiteren interessanten Tanganjikabuntbarschen Ausschau zu halten.

 

Anreise

Afrika begrüßte uns im Mai mit moderaten Temperaturen. Ein paar Tage Akklimatisation auf Sansibar, und schon ging es von Daressalaam mit einem komfortablen Fernbus der Skandinavian Express Service Ltd. nach Mbeya, einer 200.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt im Südwesten Tansanias, und am nächsten Tag frühmorgens weiter nach Sumbawanga.

Hier, am Busbahnhof von Sumbawanga, empfing uns mit dem Image eines Afrika-Abenteurers Horst Blaich, unser Gastgeber, Begleiter und Führer für die nächsten Wochen. Es blieb keine Zeit für eine lange Begrüßung, da wir zwei Reifenwechsel und ein Getriebeschaden auf der Strecke von Mbeya nach Sumbawanga uns einige Stunden eintreffen lassen hatten und wir vor Einbruch der Dunkelheit in dem 160 km entfernten kleinen Fischerdorf Kipili am Tanganjikasee sein wollten, und es war ja bereits früher Nachmittag.

Unser Gepäck und Proviant für die nächsten Wochen am See wurden auf den Toyota Pickup geladen, und Horst, der lieber Hannes genannt werden möchte, zeigte uns schon auf den ersten Kilometern, dass er bereits seit über 15 Jahren im afrikanischen Busch zu Hause ist.

 

Insel Ulwile

Eine Sandbucht an der Insel Ulwile

Zu den Kipili-Inseln

Die nächsten fünf Tage steuerten wir echte Traumziele an, die landnahen Kipili-Inseln. Wir verließen die Kipili-Bucht in Richtung Süden und umfuhren die Insel Ulwile an ihrer Ostseite, vorbei an turmhohen, von der See umspülten, goldbraunen abgerundeten Felsformationen. An der Südseite einer kleinen Sandbucht legten wir an. Auf dieser Seite der Insel war es völlig ruhig und die Sonne strahlte aus einem wolkenfreien Himmel.

Auch beim Blick unter die Wasseroberfläche wurden wir nicht enttäuscht. Selbst reine Sandzonen wurden von Buntbarschen besiedelt. Es waren Arten wie Enantiopus melanogenys, Xenotilapia ochrogenys und Xenotilapia sima, die in großen Schulen über die freien Sandflächen zogen.


Xenotilapia sima

Xenotilapia sima zwischen Felsbrocken

Xenotilapia flavipinnis

Xenotilapia flavipinnis

Sobald aber Felsen Schutz boten, nahm die Cichlidendichte drastisch zu und es gesellten sich weitere sandbewohnende Cichliden hinzu, wie brutaktive Xenotilapia flavipinnis, Ectodus descampsi und Callochromis macrops. Selbst ein kleiner Stachelaal nutzte diesen sandigen Bereich und lugte nur mit seinem Kopf aus einer Sand-Stein-Höhle hervor. An anderen Stellen der Süd- wie auch der Westseite dieser Insel bezauberte uns Ophthalmotilapia nasuta mit seiner attraktiven gelben Körperfarbe und einem interessanten Verhalten.

 

 

Petrochromis ephippium "Nkondwe"

Petrochromis ephippium "Nkondwe"

Unser nächster Haltepunkt, ein Klippenbiotop, lag im Westen der Insel Mvuna. Hier hat die Brandung grandiose Felsenlandschaften geschaffen. Hohlräume aller Größen bildeten eine phantastische Unterwasserlandschaft im glasklaren Wasser. An dieser Stelle beobachteten wir Cichliden, bei denen sich aufgrund ihrer Vielzahl und Farbenpracht der Vergleich mit Korallenfischen aufdrängte.

Tropheus brichardi waren in kleinen Formationen allgegenwärtig und raspelten unablässig Aufwuchs ab. In nur drei Metern Tiefe standen Schwärme von Cyprichromis leptosoma, Hunderte, vielleicht auch noch mehr Weibchen mit nur wenigen Männchen.

Tropheus brichardi "Kipili"

Tropheus brichardi "Kipili"










Der Fang von Eretmodus cyanostictus, den wir nur an der Westküste und in sehr geringer Anzahl vorgefunden hatten, gestaltete sich wegen der vielschichtigen Hohlräume und Spalten als äußerst schwierig, so dass wir ein weiteres Mal diese aufregende Insel ansteuern mussten.

Eretmodus cyanostictus

Eretmodus cyanostictus


Ein weiteres Tagesziel war die kleine, etwa 90 m breite und unbewohnte Insel Nkondwe, wo wir vor dem nach Norden verlaufenden Felsenriff ankerten. Hier draußen auf dem See war die Brandung stärker. Unsere Blicke reichten bis zur anderen Uferseite, den Murungu-Bergen im Kongo, noch nicht wissend, welch düstere Vorgänge sich in diesem Moment dort abspielten.

Ich glitt an meinem Lieblingsplatz, der West- seite des Felsenriffs, zwei bis drei Meter in die Tiefe.

Tropheus brichardi "Kipili"

Tropheus brichardi "Kipili"

Ophthalmotilapia boops

Ophthalmotilapia boops "Nkondwe"

Die Cichlidengemeinschaft an dieser praktisch unberührten Insel ist besonders vielfältig. Zwischen riesigen, mehrere Meter großen, teils quaderförmigen, teils abgerundeten Felsbrocken positionierte ich mich an einem Felsen mit abgeflachter Kuppe, dem bevorzugten Lebensraum von Ophthalmotilapia boops.

Mein ungestümes Eindringen war scheinbar schnell vergessen, denn bereits kurze Zeit später kehrten die Cichliden zu ihrem Felsen zurück, um Feinde fernzuhalten oder den am Felsen anhaftenden braunen Algenüberzug nach Mikroorganismen zu untersuchen. Nur auf Nkondwe trifft man auf diese interessante Farbform von O. boops mit ihrem herrlich blauen Keil auf samtschwarzem Körper. Der Anblick von mehr als einem Dutzend aktiver O.-boops-Männchen, ihre Territorien lagen nicht mehr als vier bis fünf Meter voneinander entfernt, flankiert von kleinen Trupps heranwachsender Tropheus brichardi und farbenprächtigen Petrochromis sp. „Macrognathus Rainbow“, sowie das Zusammentreffen mit 30 bis 40 Lamprichthys tanganicansus gehören zu meinen schönsten Unterwassererlebnissen.

Lamprichthys tanganicanus

Lamprichthys tanganicanus


 

Bootstouren nach Kapere und Muzi

Obwohl wir den schönen „Roten Regenbogen-Moorii“ und den „Blauen Ophthalmotilapia ventralis“ von Kasanga unmittelbar entlang der Felsküste am Bismarck-Point bereits antrafen, entschieden wir uns, etwa 15 km weiter südlich nach Kapere zu reisen, wo auch vorzugsweise für den Aquarienhandel gefangen wird.

Goma hatte für acht Uhr einen Fischer aus Kasanga für unsere Bootstour gechartert. An der Hafenmole warteten seit geraumer Zeit Mutter, Tochter und zwei kleine Kinder mit reichlich Gepäck auf eine Mitfahrmöglichkeit. Ihr Zielort: ebenfalls die Ortschaft Kapere nahe der sambischen Grenze. Eine gute Gelegenheit für unseren Fischer, sein Budget aufzubessern, die er sich nicht entgehen ließ.

Nach eineinhalb Stunden Fahrzeit hatten wir Kapere fast erreicht und konnten aufgrund der guten Fernsicht das Südende des Tanganjikasees erblicken. Hier, an einem steil abfallenden Felsenriff, ließen wir uns absetzen. Unsere Handlungsmöglichkeiten waren an dieser Stelle durch metergroße Felsenblöcke begrenzt. Unter Wasser setzten sich diese meist eckigen Steine steil abfallend fort.

Eine Gruppe Tropheus

Eine Gruppe Tropheus

Die Brandung war gegen 10 Uhr schon recht stark. Die Sichtverhältnisse blieben noch gut, so entschied ich mich zuerst für Videoaufnahmen. Eine kleine Gruppe wunderschön ausgefärbter „Red Rainbows“, eskortiert von einigen Petrochromis fasciolatus, hatten es mir angetan. Später gelang es mir, eine ähnliche Szene auch fotografisch festzuhalten.

In Abständen von zwei bis drei Metern zu den Felsen und Rivalen zeigten sich prächtig weißblau gefärbte Ophthalmotilapia ventralis-Männchen. Eine Augenweide, diese Unterwasserjuwelen bei der Balz oder im Kampf mit den Rivalen zu beobachten. Wie bei Tropheus moorii „Red Rainbow“, so war auch bei Ophthalmotilapia ventralis zwischen Kasanga und Kapere eine geringe Variation festzustellen. Bei O. ventralis habe ich Tiere mit einer orangefarbenen Kopfzeichnung, sogenannte „Orange head“, und Tiere mit einer bläulichen, fast schwarzen Kopfzeichnung vorgefunden. Bei T. moorii zeigten einige Tiere mehr blaue Pigmente in der Rückflosse. Die meisten Tiere hatten jedoch eine deutlich rote Rückenflosse. Meiner Meinung nach bedeutet das aber nicht, dass wir es hier mit zwei unterschiedlichen Populationen bzw. Rassen zu tun haben, sondern dies gehört zur normalen Varianz.

 

Vielfältige Cichlidengesellschaft

Vielfältige Cichlidengesellschaft

Am nächsten Morgen reichte Muskelkraft aus, um mit einem Fischerboot in nördlicher Richtung zum felsigen Abschnitt südlich der kleinen Ortschaft Muzi überzusetzen. Der felsige Bereich zwischen Bimarck-Point und Muzi wird durch eine etwa zwei bis drei Kilometer lange Sandbucht unterbrochen und stellt für einige Cichliden eine Biotopgrenze dar. In dem folgenden, zwei Kilometer langen Felsenbiotop trat O. ventralis nicht mehr in der blauen Farbform auf, dafür zeigte er sich rußig-gelb.

Auch T. moorii hatte nur noch etwas gelbe Zeichnung und war insgesamt bläulicher als T. moorii „Red Rainbow“. Also eine interessante Stelle, um zu beobachten und zu fotografieren.

 

Zu den Kalambo-Falls

Schon bei vorangegangenen Reisen hatte ich einen Trip zu den Falls im Programm, aber immer war irgendetwas dazwischen gekommen. Gegen 13 Uhr brachen wir mit unserem Pickup auf, den See entlang in Richtung Muzi, dann bog Hannes rechts ab, und eine steile Anfahrt führte zu einem Plateau mit einer beeindruckenden Berglandschaft. Wir passierten kleine Orte mit grasgedeckten Rundhütten von Rinderzüchtern, es ging vorbei an Bananenplantagen und entlang kleiner Flüsse.

Radfahrer, wer sonst, kamen entgegen, transportierten schwere Säcke, Brennholz und Menschen, und ersetzen so Taxis und Lieferwagen, denen die abgelegene Piste so manches Problem bereiten würde. Hannes nahm die Rüttelstrecke ebenso schnell wie elegant, knallte durch ausgetrocknete Bachbetten und riesige Schlaglöcher. Als wir die letzte tansanische Ortschaft vor der sambischen Grenze erreichten, tauchen vereinzelt Kinder auf, es wurden immer mehr, bis sich schließlich eine ganze Horde um uns scharte.

Es gibt keine offizielle Fahrstrecke zu den Fällen, aber die Kinder führten uns sicher durch eine meterhohe Gras-Felsen-Landschaft, die Hannes noch einige hundert Meter mit dem Pickup zu bewältigen versuche. Noch eine Viertelstunde zu Fuß und eines der großartigsten Naturschauspiele Afrikas, die Kalambo-Falls, waren bereits in Hörweite.

Der Kalambo-Fluss bildet die Grenze zwischen Tansania und Sambia und hier stürzen die trägen Wassermassen des Flusses kurz vor seiner Mündung in den Tanganjikasee 223 m tief in die Schlucht. Als ich in die Schlucht hineinblicke, breitete sich vor mir eine atemberaubende Landschaftskulisse aus. Bis dahin waren unsere Aktivitäten fischorientiert gewesen, aber diese Jeepsafari hat gezeigt, dass Afrika an Landschaften und Wildleben ebenso viel zu bieten hat. Zu den besonderen Erlebnissen zählten zweifellos das grandiose Spektakel des zweithöchsten Wasserfalls Afrikas und die aufregende Begegnung mit zwei halbwüchsigen Leoparden.

 

Wasserwechsel im Camp, Tagesziel Mtosi

Der nächste Tag begann nach dem Frühstück mit einem gründlichen Wasserwechsel, schließlich waren wir bereits einige Tage unterwegs. Planschbecken, Boxen und ein 200-l-Aquarium wurden zur Hälfte mit frischem Seewasser aufgefüllt. Noch ein kontrollierender Blick, ob kränkelnde Tiere oder andere untypische Verhaltensweisen festzustellen waren, schließlich sollten nur gesunde Tiere den weiten Weg in die Heimat in Angriff nehmen. Schon kurze Zeit später starteten wir mit dem Tagesziel Mtosi.
Es war ein warmer Tag und die Fernsicht bestens, so dass ich mich schon vom Boot aus für die Mkinga-Felsengruppe, etwa 3 km südlich der Kipili-Bucht, als erstes Fotomotiv entschied.

Ectodus descampsi

Ectodus descampsi


Leider setzten sich diese guten Sichtverhältnisse unter Wasser nicht fort. Dennoch rang ich mich zu einigen Unterwasseraufnahmen durch, um eine mögliche Farbvariation von Ophthalmotilapia boops, O. ventralis und O. nasuta in diesem etwa 22 km langen Küstenabschnitt bis nach Mtosi im Bild festzuhalten.

Wir überquerten mehrere Buchten und ankerten nach 2 Stunden zwischen mehreren, etwa 10 bis 20 m über den Wasserspiegel aufragenden mächtigen Felsgiganten bei der Ortschaft Kisambala. Hier hofften wir, auf Xenotilapia sp. „papilio sunflower“ zu treffen, leider ohne Erfolg. Interessanter wurde es wenige hundert Meter weiter in einer kleinen Bucht. In der flach abfallenden Sand-Kies-Zone mit einzelnen abgerundeten, metergroßen Steinen sahen wir sehr große X. flavipinnis mit kräftig gelben Flossen sowie Ectodus descampsi mit einem großen runden, dunklen Punkt, der von einem hellblauen Hof in der Rückenflosse umgeben war.

Fischfänger im Tanganjikasee

Fischfänger im Tanganjikasee

Dieses Merkmal ließ ihn auch bei schlechten Lichtverhältnissen sowohl für Partnerinnen als auch Gegner im „besten Licht“ erscheinen. 30 m seewärts zeigten sich große Felsformationen, die bis knapp unter die Wasseroberfläche reichten, das gesuchte Biotop von Ophthalmotilapia-Arten war gefunden. Die schwarzbraunen O. boops mit geringer hellblauer Zeichnung in Rücken- und Schwanzflosse schienen sich gut mit O. nasuta zu verstehen, denn es waren kaum Reibereien zu bemerken. Dagegen durften O. ventralis sich nicht einmal in der Nähe von Territorien der O. boops aufhalten, schon wurden sie in tiefere Regionen verjagt. Das erledigten gelegentlich auch die O. nasuta, sonst eigentlich friedfertige Gesellen.

Nach der Regenzeit war die erste Brutsaison für O. nasuta vorbei, in Felsennähe standen bereits große Schwärme von drei bis fünf Zentimeter langen Jungfischen. Ophthalmotilapia boops und O. ventralis befanden sich noch nicht in der richtigen Paarungsstimmung, weshalb nur wenige tragende Weibchen zu beobachten waren.

Goma drängte uns zum Mittagstisch und empfing uns mit über Holzkohle geräuchertem Fisch, gekochtem Reis und einer mit afrikanischen Gewürzen zubereiteten, scharfen doch schmack- haften Zwiebelsoße. Als Nachtisch gab es eine liebevoll zubereitete Ananas.

Am späten Nachmittag steuerten wir unser Tagesziel an, ein Felsenbiotop bei Mtosi. Wie schon bei der Ortschaft Mkinga war die Unterwassersicht ausgesprochen schlecht. Schade, denn gerade hier erwartete uns ein besonders hübscher O. nasuta. Einen Meter unter Wasser, um geben von metergroßen Felsen, ließ ich mich auf der Spitze eines dieser Giganten nieder, um in aller Ruhe das Verhalten von Ophthalmotilapia-Arten zu beobachten. Was O. nasuta in guter Form an Farbe zu bieten hat, ist kaum in Wort zu fassen. Das Spektrum reicht von einem Zitronengelb bis Gelborange. Selbst unmittelbar nach dem Fang zeigen die Tiere noch diese intensive Körperfarbe.

Cunningtonia longiventralis und Callochromis macrops versuchten immer wieder, in die Felsendomäne einzudringen, aber O. boops bereinigte souverän die Situation. Asprotilapia, Telmatochromis und Neolamprologus in vergleichsweise wenigen Exemplaren wurden geduldet, vielleicht nicht einmal zur Kenntnis genommen.

 

Siegfried Loose - Spezialist für Fadenmaulbrüter und Sandcichliden

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Text und Bild: Copyright (c) Siegfried Loose



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